Die Figur stellt Diana mit Pfeil und Bogen dar. Auf dem Kopf trägt sie einen halben Mond. Diana ist populär als Göttin der Jagd. Ursprünglich ist sie in der römischen Mythologie jedoch eine Frauen- und Mondgottheit. Deshalb erscheint sie auch unter dem Namen "Luna" (Mond). Ihre hier beigegebenen Attribute, nicht nur Pfeil und Bogen, sondern auch der Halbmond, nehmen auf diesen Sachverhalt Bezug. Die Luna-Benennung ist im gesamten Zusammenhang entscheidend.
Denn im 16. Jahrhundert - die Figur entstand gleichzeitig mit der um 1540 angefertigten Mittelsäule - sah man den Mond geradezu als Symbol für Lüneburg an. In einer ebenso gelehrten wie unzutreffenden wortgeschichtlichen Herleitung hatte man den Stadtnamen Lüneburg auf das lateinische Wort "luna" zurückgeführt.
Im 16. Jahrhundert, im Zeitalter der Renaissance und des Humanismus, war die Antike gewissermaßen neu entdeckt worden, was sich deutlich auf Kunst und Wissenschaft auswirkte. Nicht in jedem Fall blieb man dabei auf unanfechtbarer Grundlage, wie auch das Lüneburger Beispiel zeigt. Gleichwohl ist diesem Irrtum eine Reihe kulturhistorisch bedeutsamer Erzeugnisse zu verdanken. Der Halbmond wurde auf Lüneburger Münzen abgebildet, einen Halbmond fügte man dem Beiwerk des Großen Stadtwappens als Zierrat hinzu, Luna-Diana wurde als Figur des Markt- brunnens ausgewählt.
Der Lüneburger Marktbrunnen, für den die gelegentlich verwendete Bezeichnung "Luna-Brunnen" höchst zutreffend ist, stellt sich nicht nur als besonderes Denkmal dar, sondern ist zugleich auch Zeugnis für gelehrte Spekulationen eines Zeitalters, das der Stadt Lüneburg auf allen Gebieten der Kunst zu einer letzten Blüte verhalf.
Dr. Eckhard Michael
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