Museum für das Fürstentum Lüneburg
    [Kontakt]    [Archiv]    [Impressum]  
  Sitemap: Das Museum im Überblick    

Objekt des Monats

  Angebote des Museums
 Informationen
 Abteilungen
 Sammlungen
 Veranstaltungen
 Museumsshop
 Geschichte
ArchivArchiv
 Home
 

Urne aus der ehem. Sammlung Taube in der Dauerausstellung in der Vorgeschichtlichen Abteilung des Lüneburger Museums:
Die Asche der Wikinger?

Fundort: Gegend von Ebstorf, Landkreis Uelzen; Fundzeit: 18. Jh.;
Inv.-Nr. 8; Datierung: 1. Jahrhundert v. Christi Geburt.


Bis zur Gründung eigener Kreismuseen, z. T. bis weit in die dreißiger Jahre und darüber hinaus, war das Museum für das Fürstentum Lüneburg in bodendenkmalpflegerischer Hinsicht neben dem Landesmuseum in Hannover für weite Teile Nordostniedersachsens zuständig.
Es ist somit kaum verwunderlich, im Sammlungsbestand und in der Ausstellung des Lüneburger Museums archäologische Funde aus nahezu allen nordostniedersächsischen Landkreisen anzutreffen.
Dazu gehört auch die hier vorgestellte Urne. Ohne Frage handelt es sich um ein sauber gearbeitetes und vor allem auch recht gut erhaltenes Exemplar, welches in ähnlicher Form häufig bei Ausgrabungen an den Urnenfriedhöfen der Region, so etwa auch in Drögennindorf, in Wetzen/Putensen und in der sog. Totenstatt bei Oldendorf (Luhe) als Nachbestattung an den dortigen Gräbern der Steinzeit gefunden wurde. Bemerkenswert ist vor allem der Weg, lange vor dem Beginn der Aufnahme einer regulären Ausgrabungstätigkeit, auf dem sie ins Museum gelangte und der hier in aller Kürze nachgezeichnet werden soll.
Wie viele andere „frühe“ Funde des Museums ist auch diese Urne ein Produkt reinen Sammlerfleißes.
Solche Urnen fanden sich seinerzeit oft in sog. Raritätenkabinetten, kleine private "Museen" bzw. Sammelstuben, eingerichtet von einigen Gelehrten des 18. Jahrhunderts in der Tradition der mittelalterlichen fürstlichen Wunderkammern.
Nicht selten waren jene Gelehrte gleichermaßen interessiert an den materiellen Hinterlassenschaften außereuropäischer Kulturen und denen ihrer eigenen Altvorderen. Ein solches Beispiel ist auch der Celler Hofmedicus Daniel Taube (1727 - 1799), dem Lüneburg u. a. eine häufig zitierte Beschreibung seines Kalkberges verdankt - und eben diese Urne.
Taube war mit einer ganzen Reihe weiterer früher Gelehrter an den ersten dokumentierten Ausgrabungen bei Gerdau unweit Ebstorf im heutigen Landkreis Uelzen beteiligt bzw. mit den dortigen Ausgräbern bekannt.



Urne
Bild vergrößern
 
Überliefert ist beispielsweise sein Besuch der Sammlung des Uelzener Probstes Zimmermann, der für viele spätere Sammler zum Vorbild werden sollte, so u. a. auch für den berühmten Altertumsforscher Georg Otto Carl von Estorff und für den Lüneburger Kaufmann Wilhelm August Rüdemann, der um 1800 eine der größten Altertümersammlungen der Stadt Lüneburg zusammenbringen sollte.

Besagte Fundstelle(n) bei Gerdau und Ebstorf waren somit offensichtlich bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts innerhalb der gelehrten Schichten Lüneburgs allgemein bekannt, wie auch eine überlieferte Nachricht Ludwig Albrecht Gebhardis, Professor an der Lüneburger Ritterakademie, belegt, der diesen Fundplatz ebenfalls beschrieben hat.
Dies hat seinen Grund sicher nicht zuletzt in regionalhistorischen Literatur der damaligen Zeit.Die im Raume Ebstorf befindlichen archäologischen Geländedenkmale nämlich wurden von den Gelehrten des 18. Jahrhunderts mehrheitlich mit der Sage von der Normannenschlacht in Verbindung gebracht, die dort angeblich im Jahre 880 stattgefunden haben soll.
Tatsächlich hat diese Schlacht wohl auch stattgefunden, wahrscheinlich jedoch nicht - wie die Sage es will - hierzulande, sondern im Stader Raum.
Die Überlieferung jedoch hat diesen Vorgang - und auch die Begräbnisorte der Gefallenen - an den Rand des Süsings verlegt, und zwar in die Nähe des späteren Standortes des Klosters Ebstorf!

In einer anderen Variante dieser Sage wurden aus den heidnischen Normannen Wenden:
„Zur Zeit des Kaisers Ludwig regierte in Hamburg der Wendenfürst Baruth. Seine Frau lästerte einst die Jungfrau Maria und bekam zur Strafe dafür ein krankes Kind. Die Folge davon war, daß Baruth die Christen aufs schlimmste verfolgte, sie martern und töten ließ. Da wandten sich diese an den Papst in Rom. Der sammelte ein Heer, in dem 7 Herzöge, 7 Bischöfe und 15 Grafen dienten, und führte es selbst nach Hamburg. Baruth musste sich ergeben. Er rief aber die Wenden ins Land und richtete unter den Christen ein schreckliches Blutbad an. Die Leichen wurden von den Wenden zuerst in ungeweihter Erde begraben. Erst als ein Wunder sie erschreckte, gestatteten sie, daß der dritte Teil ausgegraben und nach Rom gebracht werde. Unterwegs kam der Zug nach Ebstorf. Hier angekommen, sprang Blut gegen die Wagen, und diese selbst konnten nicht mehr von der Stelle bewegt werden. Man musste die Leichname der Heiligen hier begraben. Später erbaute man über ihnen dann das Kloster." (n. Leibniz)
Von den genannten Grafen übrigens stammten drei übrigens wirklich aus der Gegend!
Zu Zeiten der ersten Ausgrabungen in diesem Gebiet im 18. Jahrhundert jedenfalls hielt man demnach die eisernen Grabbeigaben in den Urnen auch wirklich noch für das "Pferdegeschirr" gefallener Wikinger.

Heute, nach jahrzehntelanger archäologischer Forschung wissen wir, dass jene dort gefundene Urnen, von denen ein Exemplar hier gezeigt wird, um die 1000 Jahre älter sind und nicht wikingische, sondern stattdessen - wenn man durchaus will - langobardische „Asche“ enthalten!
Jene Sage jedoch wurde jedoch in den ältesten Berichten gelehrter Sammler derart häufig erwähnt, daß tatsächlich davon auszugehen ist, in ihr auch eines der möglichen Motive für den Beginn der ersten archäologischen Forschungen in unserer Region zu sehen.
Dietmar Gehrke.
 
 



[Home]    [Übersicht Objekte]