Museum für das Fürstentum Lüneburg
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Kasserolle und Sporn: Objekt des Monats Januar 2009 im Museum für das Fürstentum Lüneburg

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Kasserolle und Sporn

Kasserolle (Inv.-Nr. 182:84c) und Sporn aus dem sog. Fürstengrab I aus Marwedel bei Hitzacker; Datierung: Römische Kaiserzeit (1. Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.).

Zwischen 1928 und 1944 wurden auf dem Scharfenberg bei Hitzacker die Überreste von zwei, möglicherweise sogar drei sog. Fürstengräbern entdeckt und freigelegt. Ein halbes Jahrhundert später konnten ferner die Reste einer gleichzeitigen, bereits seit längerem bekannten Siedlung ausgegraben werden, die sich unweit dieser Gräber befand. Die Funde aus den Gräbern befinden sich heute in den Museen in Hannover und Lüneburg, Kopien werden in Hitzacker selbst ausgestellt.

Die hier gezeigten beiden Funde stammen aus dem sog. Fürstengrab I, dessen Inventar in Lüneburg gezeigt wird.

Es handelt sich um eine Bronzekasserolle römischer Herkunft (Eggers Typ 142), die gemeinsam mit weiteren Metallgefäßen gleicher Herkunft zu den Beigaben eines der hier bestatteten Toten zu rechnen ist.

Kasserolle: Objekt des Monats Januar 2009 im Museum für das Fürstentum Lüneburg
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Unter den gleichfalls mit ihm begrabenen Beigaben ist besonders ein Sporn hervorzuheben. Er war gemeinsam mit den Schuhen am Kopfende des Toten abgelegt worden. Ihre Besonderheit verdanken die Marwedeler Gräber jedoch nicht allein ihrer reichen Beigabenausstattung. Mindestens ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass die dort beigesetzten Toten nicht - wie seinerzeit üblich - vor der Beisetzung verbrannt wurden, sondern stattdessen als Körperbestattung zur letzten Ruhe gebettet wurden.

Damit reihen sie sich in eine Gruppe mit weiteren Gräbern dieser Zeitstellung ein, die von Archäologen als Überreste einer römisch beeinflussten Oberschicht im freien Germanien angesehen werden. Jene Eliten waren - oftmals sogar durch direkten Kontakt (etwa als "Fremdenlegionäre")- vom Lebenstil des römischen Reiches beeinflusst und beschäftigten sich mit der Adaption militärischer und technologischer Errungenschaften der Römer.

Das in ihrer materiellen Kultur sichtbar werdende Symbolgut (zu dem vor allem die römischen Importfunde jener Zeit zu rechnen sind) zeigt eindrucksvoll, wie sich ihre Mitglieder einander anglichen. Zugleich sind diese Funde - ablesbar an ihrer Verbreitung - auch ein Indiz für die zunehmende Mobilität dieser Bevölkerungsschichten; Gefolgschaften, die nur einem Anführer verpflichtet waren, bekamen ein größeres Gewicht.

So unternahmen die an der Niederelbe beheimateten Langobarden bereits im Jahre 166 n. Chr. einen Vorstoß in das römische Pannonien - einer der wesentlichen Auslöser der Markomannenkriege jener Zeit.

Zugleich siedelten Langobarden auch die westliche Altmark auf, während gleichzeitig eine ganze Reihe von Urnengräberfeldern an der unteren Elbe aufgelassen wurden - unter ihnen auch jenes aus dem unweit von Marwedel gelegenen Darzau, auf dem sich so bekannte Archäologen wie Christian Hostmann, Carl Schuchhardt, Wilhelm Keetz und der durch seine Grabungen in Babylon bekannt gewordene Robert Koldewey Ausgrabungen durchführten.

Bereits zu Beginn des 3. Jahrhunderts wurde auch die rheinwesergermanische Kultur zwischen Thüringer Wald und Harz von der elbgermanischen abgelöst - obwohl es eine ganze Reihe von Indizien gibt, die zumindestens eine teilweise Siedlungskontinuität nahelegen.

Angesichts der weitreichenden Veränderungen der Kräfteverhältnisse im Innern Germaniens wird auch das militärische Engagement Roms im Gebiet des heutigen Niedersachsen verständlich - jede Änderung konnte u. U. auch römische Sicherheitsinteressen tangieren. Im fortgeschrittenen 3. Jahrhundert erfolgte eine weitere Ausbreitung elbgermanischer Elemente in Richtung Main und Südwestdeutschland, es kam zum Durchbruch des obergermanisch-raetischen Limes und zu Überfällen von Elbgermanen (Semnonen) in Gallien und Italien. Unter wesentlicher Beteiligung dieser elbgermanischen Einwanderer sollte sich in Südwestdeutschland später der Stamm Alamannen bilden.

Höhepunkt der langobardischen Expansion in Richtung auf das Gebiet des römischen Reiches sollte jedoch erst der Einfall nach Italien im Jahre 568 sein. Die Marwedeler Fürstengräber sind ganz an den Anfang der soeben geschilderten Prozesse zu setzen. Unklarheit besteht jedoch nach wie vor über das einstige Aussehen dieser Nekropole unweit der Elbe bei Hitzacker. Moderne Lebensbilder zeigen zwei große Grabhügel, welche die Szenerie oberhalb der Siedlung am Fuße des heute sog. Scharfenberges dominieren.

Die Rekonstruktion der Marwedeler Gräber, die der Archäologe Friedrich Laux auf Grundlage der alten Grabungsberichte vornahm, zeigte jedoch, dass die von ihm angenommen drei Bestattungen sich zu nahe beieinander befanden und somit nicht von derart mächtigen Hügeln überdeckt gewesen sein konnten. Diese Rekonstruktion blieb jedoch nicht lange unwidersprochen: Der Prähistoriker Hans-Ulrich Voß, der sich ebenfalls intensiv mit den Marwedeler Gräbern befasst hatte, bestritt die Existenz eines dritten Fürstengrabes.

Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass selbst eine Entscheidung für die letztgenannte Interpretation der Marwedeler Funde keine abschließende Aussage über die Größe möglicherweise vorhanden gewesener Grabhügel gestattet. Fest steht allerdings auch, dass nicht lange danach in der unmittelbar westlich anschließenden Ilmenauregion Urnengräberfelder angelegt werden, deren Bestattungen oft mit einem kleinen Hügel überdeckt wurden und deren Vorbilder - ebenso wie das in Marwedel zur Anwendung gelangte Bestattungsbrauchtum - mit einiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls im römischen Reich gesucht werden müssen.
Dietmar Gehrke
 



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