März 2004

Aktuelles aus Lüneburg   

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"Gesicht zeigen, weltoffenes Deutschland"

Ausstellungseröffnung "Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich"
im Ostpreußischen Landesmuseum leutet die Aktionswoche
gegen Rassismus in Lüneburg ein
Im Rahmen der unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehenden "Aktionswoche gegen Rassismus" vom 15. bis 21. März 2004 eröffnete das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg die von der Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen- Anhalt und dem Luther-Zentrum in Wittenberg veranstaltete Wanderausstellung "Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich"
am 12. März 2004.
Für Dr. Ronny Kabus, Museumsdirektor im Ostpreußischen Landesmuseum war die Übernahme der Ausstellung in Lüneburg eine kurzfristige Entscheidung. Aufgrund des wichtigen Themas "der Aktionswoche gegen Rassismus" wird Sie für vier Wochen, bis zum 18. April 2004 im Ostpreußischen Landesmuseum zu sehen sein.
Dr. Ronny Kabus, Museumsdirektor im Ostpreußischen Landesmuseum und Autor der Ausstellung
Dr. Ronny Kabus, Museumsdirektor im Ostpreußischen Landesmuseum und
Autor der Ausstellung
Vor ca. 33 Jahren wären Lüneburg und Wittenberg beinahe Partnerstädte geworden. 1971 waren Lüneburger sichtlich um Freundschaft zu Wittenberger bemüht, die dann aber eine Partnerschaft mit der Stadt Göttingen eingegangen sind. Interessant wäre es sicherlich geworden, da die beiden Städte z.B. ähnlich groß sind und beide eine lange und interessante Geschichte beherbergen.

Das die Ausstellung nach Lüneburg gekommen ist, hat auch damit zu tun, dass Dr. Ronny Kabus selbst diese Ausstellung bereits vor über 15 Jahren, 1988 als Direktor der Staatlichen Lutherhalle Wittenberg kurz vor seiner Ausreise aus der DDR im September 1989, konzipierte.

Die Wittenberger SED-Funktionäre verboten zur damaligen Ausstellungseröffnung die offizielle Einladung ehemaliger verfolgter Wittenberger. Ein privat eingeladener Gast, dessen Vater 1941 im KZ Dachau umgekommen ist, wurde von den SED-Funktionären einschließlich des Bürgermeisters weder offiziell noch privat mit einem Grußwort bedacht.
In der DDR gab es kaum konkrete Untersuchungen zur Judenverfolgung in der Nazidiktatur. Trotz Behinderungen und Einflussversuchen durch SED- und Staatssicherheitsinstanzen wurde die Ausstellung von 1988 bis 1989 zur meist besuchten Sonderausstellung der Lutherhalle in diesem Jahrzehnt.

Die Ausstellung, die 2003 von Dr. Ronny Kabus überarbeitet wurde, beschäftigt sich mit dem Schicksal der in Wittenberg ansässigen Juden im III Reich zwischen 1933 bis 1945. Gegliedert ist sie in drei Zeitabschnitte:

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher der Ausstellungseröffnung interessieren sich für die jüdischen Schicksale in Wittenberg
Zahlreiche Besucherinnen und Besucher der Ausstellungseröffnung interessieren sich für die jüdischen Schicksale in Wittenberg
1933 - 1935 (Von der Machtergreifung bis zu den Nürnberger Gesetzen),
1935 - 1938 (Von den Nürnberger Gesetzen bis zur "Kristallnacht") und
1938 - 1945 (Von der "Kristallnacht" bis zur "Endlösung").

Zur Ausstellung bietet das Ostpreußische Landesmuseum ein museumspädagogisches Begleitprogramm für Erwachsene und insbesondere für Schülerinnen und Schüler an.
Für Schulklassen ist der Eintritt frei.

Wittenberg ist die Stadt, die sich als Lutherstadt mit dem Erbe der Reformation intensiv auseinanderzusetzen hat. Dazu gehört es auch, sich mit den Schriften Luthers zu befassen, die im Dritten Reich dazu herangezogen wurden, Juden zu diskreditieren und zu verfolgen.

Reichsbischof und evangelische Geistlichkeit auf dem Weg in die Wittenberger Schlosskirche im September 1933, flankiert von SA und SS
Reichsbischof und evangelische Geistlichkeit auf dem Weg in die Wittenberger Schlosskirche im September 1933, flankiert von SA und SS
Die Nazis nutzten die Stadt Wittenberg, in der das Leben Martin Luthers am augenfälligsten ist für ihre Inszenierungen. So machten Sie beispielsweise 1938 die Stadt Wittenberg offiziell zur Lutherstadt, die diesen Namen allerdings inoffiziell schon seit 1922 trug.

Das Lebenswerk Luthers beinhaltet auch antijüdische Entgleisungen. Den Nazis diente die Berufung auf Luther als Alibi. Sie zogen zwischen "ihren großen Taten" immer wieder Parallelen zu den Taten Luthers.

Bei den Feierlichkeiten zum 450. Geburtstag Luthers am 10.09.1933, flankierten SA und SS die "theologischen Umzüge". Damalige "christliche" Führungsfiguren waren antisemitisch geprägt. Luther galt als größter Antisemit seiner Zeit

Trotz der zunehmenden Distanzierung der Nationalsozialisten von den Kirchen, beriefen sich viele NS-Leute auf Luther und seine antisemitischen Äußerungen.
Besonders übertragen wurden antisemitische Botschaften auch in der Presse: "Denkt deutsch, kauft deutsch". Ein "rein deutsches" oder "christliches Geschäft".

Durch die Verdrängung jüdischer Geschäfte, verarmten die ehemaligen Inhaber zusehends. Familienleben wurden zerstört. Es ist die Perversion einer Gesellschaft.

Wem die rettende Flucht ins Ausland nicht gelang, wird von KZ und Ermordung bedroht. Von den 71 aufgelisteten Menschen aus Wittenberg, überlebten bis zur Einnahme Wittenbergs durch die Sowjetarmee am 26. April 1945 nur vier in "privilegierter Mischehe" lebende jüdische Einwohner die Naziherrschaft.

Der Stadtdirektor der Stadt Lüneburg Peter Koch ist sehr dankbar für die Präsentation dieser Ausstellung in der Stadt Lüneburg. Er begrüßt die Aktion "Gesicht zeigen, weltoffenes Deutschland" und hofft, dass es in Deutschland gelingt, weiterhin gegen Auswüchse der Gesellschaft zu arbeiten. Die Ausstellung "Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich" ist ein Beitrag dazu.
Stadtdirektor der Stadt Lüneburg, Peter Koch
Stadtdirektor der Stadt Lüneburg, Peter Koch
Die Übergriffe rechtsextremer Straftaten in Deutschland ist letztes Jahr um 8% gestiegen. Leider gibt es diese Diskriminierungen gegen Menschen, die z.B. eine andere Hautfarbe haben oder "andere Fremdartigkeiten" besitzen.

Bei der Existenz solcher Straftaten ist es bedeutend die Werte und Normen einer Gesellschaft immer wieder ins Bewusstein zu rufen.
Insbesondere für heranwachsende Generationen ist die Auseinandersetzung mit der grausamen Weltanschauung der Nazis wichtig.

Auch bei uns bleibt Fremdenfeindlichkeit ein brennendes Problem. Rassismus hat mit Unwissenheit zu tun. Erziehung und Aufklärung tragen dazu bei, dass rassistische Entgleisungen nicht mehr vorkommen. "Es ist unser aller Pflicht, das so etwas nicht noch mal passiert."
Frau Dr. Cornelia Dömer, Geschäftsführerin des Lutherzentrums in Wittenberg, wies bei der Ausstellungseröffnung auf den pädagogischen Aspekt dieser Ausstellung hin.

Sie ist besonders interessant für Schülerinnen und Schüler, da der Holocaust in dieser Ausstellung ein Gesicht bekommt. Wie fand die Judenverfolgung eigentlich statt? Wie konnte so etwas Unfassbares überhaupt passieren? Direkte Antworten können anhand dieses Beispiels in einer Kleinstadt gegeben werden.

Eindeutig sind die gezeigten Zeitungsausschnitte und Annoncen aus dieser Zeit, die antijüdische Propaganda beinhalten. Weitere Zeitdokumente, Photos und Belege über Zwangseinweisungen in Judenhäuser sprechen eine eindeutige Sprache.

Frau Dr. Cornelia Dömer, Geschäftsführerin des  Lutherzentrums in Wittenberg
Frau Dr. Cornelia Dömer, Geschäftsführerin des Lutherzentrums in Wittenberg
Die Ausstellung verdeutlicht insbesondere auch, dass die Nazis Luthers Schriften heranzogen, um die Verfolgung jüdischen Lebens zu "rechtfertigen".
Es geht dabei um die Leidensgeschichte der Juden und um das Verhältnis zwischen Juden und Christen. Luthers Aussagen über die Juden sind auch widersprüchlich:
In jüngeren Jahren, um 1520 schreibt er, dass "Jesus Christus ein geborener Jude" sei. Zwanzig Jahre später folgt die Schrift: "Juden und ihre Lügen". Diese Position Luthers ist von den Nationalsozialisten in Anspruch genommen und ausgenommen worden.

Die Ausstellung ist eine Herausforderung für evangelische Christen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Nach Lüneburg wird die Ausstellung am Kirchentag in der Kirchenprovinz Sachsen und im November 2004 in Berlin in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt gezeigt, 2005 ist die Ausstellung in Hannover während des Deutschen Kirchentages zu sehen.
(hr - 14.03.2004)

Der Katalaog zur Ausstellung:
Ronny Kabus: "Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich."
Wittenberg 2003. 152 Seiten, 271 Abbildungen. 10.- EUR

Auszuleihen ist die Ausstellung beim Luther-Zentrum Wittenberg.
Schlossstr. 1, 06886 Wittenberg
Tel.: 03491 / 40 99 72
www.luther-zentrum.de



Die Ausstellung ist vom 13. März bis 18. April 2004
im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg

Ritterstr. 10, 21335 Lüneburg
zu sehen

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag
von 10.00 bis 17.00 Uhr


Weitere Informationen:
www.ostpreussisches-landesmuseum.de



 
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