Psychiatrie im "Dritten Reich" in Niedersachsen
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![]() Dr. Eckard Michael, Museumsdirektor im Museum für das Fürstentum Lüneburg |
Dr. Eckard Michael, Museumsdirekter im Museums für das Fürstentum Lüneburg eröffnete die Wander-Ausstellung: Psychiatrie im "Dritten Reich" in Niedersachsen.
Die Wanderausstellung basiert auf ein Forschungsprojekt, das von 1991 bis Mitte der 90er Jahre im Rahmen der Tätigkeit der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen durchgeführt wurde.
Das Projekt wird durch das Niedersächsische Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales gefördert.
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Dr. Raimond Reiter und einer Arbeitsgruppe an der Universität Hannover ist es zu verdanken, daß die Erforschung der NS-Zeit in der niedersächsischen Psychiatrie vorangetrieben wurde. Dr. Jürgen Lotze, Leiter des LKHs Lüneburg führte in die Aussellung ein:
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Die Geschichte des Landeskrankenhauses ist sehr differenziert zu betrachten. 100 Jahre LKH..., gerade jetzt wird dort viel über die Geschichte, den Umgang mit der Vergangenheit, diskutiert. Trotz Meinungsverschiedenheiten sind sich alle darüber einig, daß die Vergangenheit nicht verborgen werden darf. Im Lüneburger Landeskrankenhaus wurden im Zuge der sogenannten "T4-Aktionen" und "Kinder-Aktionen", Kinder aktiv getötet (Haus 23 und Haus 25). Bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit rückt auch die Gegenwart, das Handeln in der heutigen Zeit in den Vordergrund.
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![]() Dr. Jürgen Lotze, Leiter des LKHs Lüneburg |
![]() Dr. Eckard Michael und Dr. Jürgen Lotze |
"Aus jüdisch-christlicher Tradition hat jeder Mensch seinen Wert aus sich, nicht wegen seiner Leistung, nicht wegen seines Nutzen für andere. Im "Dritten Reich" ging es nicht mehr darum, leidenden Menschen zu helfen ohne zu fragen, sondern darum, die Leistungsfähigkeit des Menschen für die "große völkische Aufgabe" wieder herzustellen. Der Mensch wurde zunehmend definiert als ein Wesen, das für die Gemeinschaft etwas zu leisten hatte und seinen Wert eben nicht in sich selbst hatte. |
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Dr. Jürgen Lotze wies auf die so wichtige Sensibilität des Umgangs mit psychischer Krankheit hin:
Eine psychische Krankheit ist ein individuelles Leiden in einem einmaligen Beziehungsprozeß. Psychiater benötigen Theorien, um in den Leidensprozeß eingreifen zu können, denn psychische Krankheit wurde im Wesen bis heute nicht richtig verstanden. Die Erklärungsansätze, die zum Verstehen beitragen (sollen), um überhaupt helfend eingreifen zu können, müssen immer hinterfragt werden, denn sie bergen die Gefahr in sich, zur allmächtigen Leitlinie zu werden, die auch ein Irrweg sein könnte, mit dem man Menschen zu unschuldigen Opfern macht.
Theorien sind wichtig, aber immer Vorurteile.
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| Dr. Raimond Reiter, Leiter des Forschungsprojektes "Psychiatrie im "Dritten Reich" in Niedersachsen konzipierte die Ausstellung, die dazu beitragen soll, daß sich die Geschichte nicht wiederholt. Es ist immer wieder notwendig, sich auseinanderzusetzen "mit dem was in Menschen steckt, was in uns steckt." Weiterhin kann die Ausstellung als Anlaß zu aktuellen Fragestellungen gesehen werden, so z.B. der der Euthanasie-Debatte. | |
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Schwerpunkte der Aussellung sind die Auswirkungen der Rassenhygiene in der Psychiatrie bis hin zu den Zwangssterilisationen nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" und ebenso der Bereich der "Euthanasie" - Morde im Zweiten Weltkrieg, die sogenannte "T4-Aktion" in Niedersachsen, die "Kinder-Aktion"in der Anstalt Lüneburg und die sogenannte "wilde Euthanasie" in den Anstalten Oldenburg/ Wehnen und Königslutter."
Die Ausstellung soll verdeutlichen, wie NS-Verbrechen in einem scheinbar normalen Alltag der Psychiatrie verübt wurden.
Auch Dr. Raimond Reiter stellt die Betrachtung des Menschenbildes in den Vordergrund: |
![]() Dr. Raimond Reiter, Leiter des Forschungsprojektes "Psychiatrie im "Dritten Reich" in Niedersachsen" |
| Das Menschenbild des Nazi-Regimes wurde beherrscht von rassistischer Idealisierung, einer Zerstörung aller christlichen und humanischtischen Werte und einer in die Praxis umgesetzten Menschenverachtung.
Das Leben wurde nach ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt.
Ein Zitat von Ernst Klee verdeutlicht die Ungeheuerlichkeit des totalitären Regimes:
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Obwohl man die Psychiatrie im "Dritten Reich" als abgeschlossenen Teil der Geschichte betrachten kann, erarbeitete Dr. Raimond Reiter mögliche aktuelle Bezugspunkte, denn es stellt sich doch immer wieder die Frage:
Wie konnte es zu so einem Zivilisationsbruch kommen? Können wir uns heute vor einem derartigen Untergang sicher fühlen? Haben wir ein Warnsystem, daß uns rechtzeitig vor Wiederholung schützen kann? |
| Dr. Raimond Reiter sieht mögliche aktuelle Bezugspunkte zur Ausstellung in der Euthanasiedebatte.
Hinzuweisen ist an dieser Stelle, daß das Wort Euthanasie an sich, nichts mit dem Massenmord in der Anstaltspsychiatrie im Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Begleitendes Thema zur aktuellen Diskussion ist das der Kosten. | |
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Anknüpfend ergibt sich ein weiterer möglicher aktueller Bezug: "Die Sparpolitik". Sowohl historisch als auch aktuell geht es um Verteilungsfragen.
Auf der einen Seite besteht gesellschaftlicher Reichtum, auf der anderen Seite Sparpolitik für große Teile der Bevölkerung . In diesem Zusammenhang sollte die Frage gestellt werden: |
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| Ein längerer Aufenthalt in der Psychiatrie widersprach der A-Moral im "Dritten Reich".
Die Nationalsozialisten propagierten den "unnützen Esser", wobei verheimlicht wurde, daß der
Aufenthalt in der Psychiatrie oftmals von Angehörigen finanziert wurde, oder daß Patienten durch handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeit den Etat ihrer Anstalt mittrugen.
Die Arbeitstherapie wurde in den Anstalten unterschiedlich "genutzt". Zum einen lagen die Motive in der Ausbeutung der Patienten zu Gunsten der Kriegswirtschaft, zum anderen konnte so der Wert eines arbeitsfähigen Patienten nachgewiesen werden, was ihn vor einer Tötung rettete. Durch eine Reihe von Zwangsmaßnahmen wurde die Fürsorge systematisch eingeschränkt und von einer "rassen"-politisch motivierten Schlechterstellung begleitet | |
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Über 70.000 Patienten wurden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in der deutschen Psychiatrie im Rahmen der "T4-Aktion" getötet. Weiterhin 5.000 Kinder als Opfer der "Kinder-Aktion" und eine größere, nicht feststellbare Zahl von Opfern der sogenannten "wilden Euthanasie".
"Vermutlich über 20.000 Menschen wußten allein von der "T4-Aktion" und Hunderte waren unmittelbar in den Anstalten, der Gesundheitsverwaltung und in der Justiz beteiligt. Immer wieder stellt sich die Frage nach der Moral und den Motiven der Täter. |
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Zu unterscheiden sind auf der einen Seite die "staatlichen Anordnungen", einem halb-staatlich organisierten Verbrechen, also die Motive der nationalsozialistischen Führer und der Bürokratie, andererseits die Motive der Einzeltäter.
Bei den Anstaltstötungen lag eine "erschreckende Normalität in den Anweisungen, der Organisation, den Handlungsabläufen und auch - soweit es sich rekonstruieren läßt - in den Motiven vieler Täter und Helfer" vor.
In den Anstalten findet man differente Gruppen vor:
"In vielen Fällen wird man den Befund von Margaret Mead bestätigt finden, wonach die Entstehung von Schuld in deutschen Charakteren deutlich mit auferlegten Pflichten unterblieb: Duch eine von "Oben" verordnete berufliche Stellung und Aufgabe fühlte man sich nicht mehr moralisch gefordert oder persönlich verantwortlich." Dr. Raimond Reiter zieht folgende Lehren aus der Ausstellung: |
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![]() "Symbolisches Kunstobjekt mit Wäschestücken. Künstlerin: Frau Rau. Im gleichen Raum wie die Wanderausstellung." |
| Die Ausstellung will die Opfer ehren, ihnen ein Andenken ermöglichen, und weiterhin die Menschen würdigen, die Patienten gerettet haben.
Die Ausstellung präsentiert viele Dokumente zur Behandlung von Patienten in der Zeit des "Dritten Reiches". Gezeigt werden über 40 Fotos und sonstige Abbildungen, darunter Fotos von Opfern der NS-Psychiatrie. Weiterhin dokumentiert die Ausstellung Patientenakten, Briefe und Zeitzeugenberichte. Die Photos stammen aus den Jahren zwischen 1900 und 1950 | |
| Die Ausstellung läuft vom 28. Januar bis 25. Februar 2001 im Museum für das Fürstentum Lüneburg Öffnungszeiten: Täglich außer Montag von 10.00 bis 16.00 Uhr So: 11.00 bis 16.00 Uhr Tel: 04131/43891 | |