Und dann kam die "Sündflut"
Hochwasserkatastrophen sind so alt wie die Menschheit

Überflutungen prägen die Gemeinden Bleckede und Amt Neuhaus
 
Nach der Hochwasserkatastrophe in Dresden wurde eine interessante Entdeckung gemacht. Die vor über hundert Jahren umgeleitete und ausgebaute Elbe nahm plötzlich ihre natürlichen Wege und kehrte in ihr altes Flußbett zurück. Das Hochwasser folgte dem alten Lauf und kam aus Richtungen in weiter Entfernung zum Fluß, die man nie erwartet hätte. Folglich standen auch von der Elbe entfernte, nach der Wende gebaute Siedlungen unter Wasser.
Ähnliche "Erscheinungen" gab es auch in anderen Gegenden, Elbe abwärts. Dörfer, die vorher nicht einmal Deiche brauchten, wurden zur Überraschung ihrer Bewohner völlig überflutet.
 
Das Hochwasser hat bereits einige Grundstücke, Häuser und Gärten in Alt Wendischtun erreicht
Das Hochwasser hat bereits einige Grundstücke, Häuser und Gärten in Alt Wendischtun erreicht
Die von Experten sogar als "Jahrtausendflut" mit über 4500 m² Wasser pro Sekunde (4-fache Menge des Oder- Hochwassers!) bezeichnete Hochwasserkatastrophe, sorgt für mehr und mehr Respekt vor dem gewaltigen und unberechenbaren "Elbe- Strom".

Noch in dieser Woche werden möglicherweise auch die an der Elbe liegenden Gemeinden Amt Neuhaus und Bleckede die gewaltigen Kräfte dieses Flusses auf dem Weg zurück zu seinen "Ursprüngen" gnadenlos zu spüren bekommen.

Das Schmelzwasser der Gletscher brach sich vor Tausenden von Jahren seinen Weg durch "Rinnen", die in dieser Region zum riesigen Sude-Elbe-Urstromtal ausgewaschen wurden, aus dem die Elbe breit und ungehindert in die Nordsee strömen konnte. Die Flüsse Krainke und Rögnitz im Amt Neuhaus entsprangen den alten Elbarmen. In dieser Zeit entstanden auch kleine Moore und Torfflächen, z. B. zwischen Laave und Heidkrug, der Sumter und Vockfeyer See und große Teile des Bleckeder Moores (Bleckede/ Moorweg) auf der anderen Elbseite.

Der Ursprung der Namen zahlreicher Ortschaften der Gemeinden Bleckede und Amt Neuhaus findet sich in den Lebensbedingungen der früheren Elbanwohner (wendisch: Elbe = Labe = Polaben ) und deren Kampf mit den gewaltigen und unberechenbaren Urgewalten im Elbetal.

Das ursprüngliche Gebiet Amt Neuhaus war in die Teile Darzing (Hauptort Darchau) und Wanige (Wehningen) geteilt und über 400 Jahre von Slawen besiedelt. Dieses läßt sich in den Dorfnamen Konau (Kon =Pferd), Kaarßen = gerodetes Land, Popelau =Aschenplatz, Rosien = Roggenland und Stiepelse = (Stipli=Schwein) Schweineweide. Da die Schweine zur Mast in Eichenwälder getrieben wurden, könnte es durchaus sein, dass sich diese Siedlung in der Nähe eines alten Auenwaldes = Wasserwaldes befand.

Die riesigen Auenwälder waren die natürlichen Überflutungsflächen der großen Flüsse.

Der Ort Sückau (Zuku = Binse) und große Teile von Neuhaus waren ebenfalls von Wasserwald, Sümpfen und Morast umgeben.
Man ernährte sich auch von Fischen aus dem Sumter See (slawisches Wort für Wels = Fisch), in der Nähe des Sumter Salzstockes bei Sumte.

Der neue Schutzwall in Alt Wendischtun
Der neue Schutzwall in Alt Wendischtun
Die flache Elbregion ist ständig von Überschwemmungen bedroht In der flachen, ständig von Überschwemmungen bedrohten Elbregion war zunächst auch nur das höher gelegene Land, nahe der Carrenziner Heide (heute bis ca. 30 m über Meeresspiegel) zwischen den ehemaligen Elbarmen Rögnitz und Krainke besiedelt.
Notstege werden für die Anwohner in Altwendischtun gebaut
Notstege werden für die Anwohner
in Altwendischtun gebaut
Auf der anderen Elbseite galt der Ort Bleckede als Blek oder Blik = Fläche, eine bewohnbar gemachte Fläche, die sich aus dem Marschland der Elbe heraushebt. In dessen Nähe soll es aber auch ein "sehr feuchtes" Gehölz (Vitecowe) oder einen (Auen)Wald (Vitek) gegeben haben.

Im unteren Bereich des Bleckeder Ortsteils Alt Wendischtun (Tun =(Schutz) Zaun) gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Hochwasser. Der in der Nähe gelegene, ca. 1 km lange Hafen, der durch einen Altwasserarm der Elbe entstand und vorher keine direkte Verbindung zur Elbe hatte, ist ständig überflutungsgefährdet.

Weiter oberhalb soll 1855 durch Deichbruch ein Brack (durch Überschwemmung entstandener See)an der Dahlenburger Straße entstanden sein. Der südlichste Elbort Walmsburg hat seinen Namen von Walm = Wirbel am Kopf einer Buhne. Die rechtwinklich zur Uferlinie gebauten (Stein) Buhnen dienen der "Neulandgewinnung" bei Gewässern mit starker Strömung. 1776 war dem Festland der "Wolmsburger und Bruchdorfer Werder (Flußinsel)" vorgelagert, bei dem ein Wasserstrudel der Elbe sich an einer Burg "vorüberwälzte".

Brackede kommt von brak = Bruch oder Riß und besagt, dass hier Boden umgebrochen werden mußte, um ihn als Siedlungsland nutzbar zu machen. Das Brackeder Werder war früher eine Elbinsel, die sich mit dem Festland verband. Dazu gab es hier einen Wasserarm, der sich 1776 von Brackede in nördlicher Richtung bis zur Elbe erstreckte. Heute erkennt man diesen nur noch an dessen im Oberlauf trocken gefallenem Bachbett, das bis zur Straße Katemin-Walmsburg reicht. Alt und Neu Garge haben ihren Namen von grug =tönen oder girren = der Ort des Tönens oder Rauschens, wenn der große Strom vorbei rauscht.

Die "löwenstarke" Stadt Bleckede, das Zentrum der Elbtalaue, ist seit jeher Hochwasser und Überschwemmungen gewohnt.

Die jetzt zu erwartenden Wassermengen und die "Rückstau- Gefahren" der voll gelaufenen Nebenflüsse und der zwangsläufige, immense Anstieg des Grundwassers, übersteigen jegliches Vorstellungsvermögen.

Der weitgehend überflutete Hafen in Bleckede. Der Hochwasseranleger ragt noch halb aus dem Wasser
Der weitgehend überflutete Hafen in Bleckede. Der Hochwasseranleger ragt noch halb aus dem Wasser
Besonders beängstigend ist jetzt auch die ungewöhnliche Unruhe der Tiere in der Elbtalaue. Große Schwärme von Wasservögeln schwirren aufgeregt über dem aufgewühlten Fluß. Jungvögel schreien verängstigt in den Büschen und Sträuchern der Ufer, Kleintiere verlassen panisch ihre Bauten und flüchten landeinwärts.

Es ist unvorstellbar, was im Zentrum der Elbtalaue passieren könnte, wenn die gewaltigen Kräfte der entfesselten Elbe und ihrer vereinten Seiten -Arme sich hier ihre ursprünglichen Wege in ihr "Urstromtal" suchen. Es ist kaum auszudenken und schon gar nicht mehr zu lenken, was werden wird, wenn man dieses nicht wahrnimmt.
21.08.2002

 
Frühere Überschwemmungen und Deichbrüche im Amt Neuhaus

  • 1855 Deichbruch bei Neu Wendischtun (Tun = Zaun /Mauer /Planke)
  • 1888 Zerstörung der Sudebrücke bei Sückau
  • 1888 Großer Deichbruch bei Darchau/Popelau
  • Durch den Rückstau der Krainke (Zwei Strömungen treffen aufeinander, Wassermassen treten über die Ufer, Grundwasser steigt) stand das Wasser ca.150 m vor Stapel. Es gab eine riesige Wasserfläche zwischen Stapel, Neuhaus, Haar und Zeetze.
  • 1920 Bruch der Schleuse und des Krainkedeiches (16 m), die Gegend um Sumte, Krusendorf, Wendischtun und der Teldau wurden überflutet.
  • 1926 Große Nässeschäden durch Sommerhochwasser und starke Regenfälle auf Weiden und Getreidefeldern.
 
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